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Bildnerisches Verwandeln und Verfremden
Das Selbstbildnis ist eine seit Jahrhunderten praktizierte Form der Auseinandersetzung mit dem Ich – und in jeder Zeit durch gesellschaftliche Normen und Erwartungen beeinflusst. Petra Kathke stellt eine Vielzahl bildnerischer Verfahren vor, mit denen Kinder ihre Gestalt erkunden und jenseits stereotyper Darstellungen spielerisch verwandeln können.
Wer bin ich? Diese Frage ist für Kinder elementar. Sie geht einher mit Selbstwahrnehmung, Selbstbewusstheit und dem Gefühl der Selbstwirksamkeit. Dabei spielt im Rahmen Ästhetischer Bildung neben dem Erleben eigener Körperlichkeit auch die Wahrnehmung des Fremden, die Begegnung mit dem Anderen, Ungewohnten eine wichtige Rolle. Sind es zu Faschings- oder Karnevalsfesten vor allem Masken und Verkleidungen, mit deren Hilfe Kinder jemand anderen oder etwas anderes verkörpern, können sie in erkundenden Gestaltungsspielen ihr bildnerisches Erscheinen auf vielfältige und überraschende Weise verändern. Derlei gestalterische Aktivitäten unterlaufen die in den Sozialen Medien zunehmend wichtiger gewordene Frage, »wie se-hen mich andere?«, und setzen fremdbestimmten Erwartungen ein experimentelles, lustvolles Verwandeln des eigenen Erscheinungsbildes entgegen. Sich selbst bildnerisch darzustellen führt immer auch zur Auseinandersetzung mit der eigenen Person, zuallererst mit der sensomotorisch, taktil und visuell wahrnehmbaren Körpergestalt, auf die andere nur von außen schauen.
Im Rahmen der hier beschriebenen Praktiken setzen Kinder ab dem Vorschulalter Verfahren ein, die ihnen einen ungewohnten Blick auf sich selbst bieten und sie herausfordern, sich über multiple und manipulative Darstellungsweisen bildnerisch zu verwandeln. Dabei gehen sie spielerisch-erkundend mit darstellerischen Mitteln um oder folgen gemeinsam verabredeten Regeln. Die Verwandlungen sind damit einerseits selbstbestimmt, andererseits durch die Tücken des gewählten Verfahrens oder die Eigendynamik des Materials zufallsbedingt und von situativen Gegebenheiten abhängig. Wenn es darum geht, Fremdes im Eigenen zu entdecken, sind Witz und Humor unverzichtbar. Um sich gemeinsam auf das Überraschende solcher Selbstdarstellungen einzustimmen, eignen sich stabile Pappen im A4-Format. Sie können vors Gesicht gehalten oder mit einem Gummiband in einfache Masken verwandelt werden. Die im Kreis sitzenden Kinder und Erwachsenen ziehen sie auf und zeichnen, geleitet vom eigenen Spüren, ihre Gesichtszüge (Augen, Nase, Mund, Haare) mit dicken Faserschreibern auf die Pappen vor ihrem Gesicht. Staunend und schmunzelnd werden die Ergebnisse des blinden Maskenzeichnens betrachtet, kommentiert oder auch weiterbearbeitet. Damit beginnt das Abenteuer verfremdender Selbstdarstellung.
Der Abdruck
Abdrücke oder Umzeichnungen von Körperteilen belegen Anwesenheit und Autorschaft. Das wussten schon Menschen der Steinzeit, als sie Umrisse ihrer Hände an Höhlenwänden zurückließen. Kinderhände werden auch heute noch gerne in weichen Ton gedrückt oder mit Farbe bemalt, um Abdrücke auf Papier zu erzeugen. Identität lässt sich jedoch nur durch ein präziseres Bild körperlich hinterlassener Spuren bestimmen. Es genügt ein Stempelkissen, um zu erkennen, wie genau ein Fingerabdruck die feinen Linien und Poren der Haut sichtbar macht. Für Abdrücke größerer Körperpartien eignet sich wasserlösliche Druckfarbe, die mit einer Walze sehr dünn auf einen glatten Untergrund – z.B. eine (Acryl-) Glasscheibe, eine dicke Folie oder ein beschichtetes Brett – gewalzt wird. Die Kinder entscheiden anschließend, welchen Teil ihrer Hand, ihres Armes oder Kopfes sie erst auf die Farbfläche und anschließend auf das neben der Druckplatte liegende und mit Klebestreifen fixierte Papier drücken, dessen Oberfläche möglichst glatt sein sollte. Abdrücke von Fingern oder Handkanten, von Wange, Ohrmuschel, Ellenbogen, Unterarm, Fuß oder Nasenspitze ergeben interessante Formen oder Formreihen mit feinen individuellen Binnenzeichnungen. Sie können als rätselhafte Selbstdarstellung für sich stehen oder auf größeren Papieren so miteinander kombiniert werden, dass die eigene Gestalt, Muster, Tiere, Gebäude oder Landschaften entstehen.
Beim körperbezogenen Drucken bilden sich Teile des eigenen Körpers quasi von selbst ab. Dabei spüren Kinder die feuchte Farbe auf der Haut und den direkten Kontakt zum Papier. Das stimuliert wie die Schwärzung von Körperteilen den bildnerischen Prozess zusätzlich. Solange die Farbe noch feucht ist, lässt sich jeder auf der Platte entstandene Negativ-Abdruck zudem in eine Monotypie verwandeln, wenn er mit dünnem Papier überdeckt und einer sauberen Walze abgerollt wird. Wurde als Farbträger eine transparente Glasscheibe oder Folie verwendet, kann der Abdruck auch mit dem Tageslichtprojektor an die Wand projiziert werden. In den Zoommodus wechseln Um das körperliche Ich genauer zu untersuchen, werden mit der Lupe Flecken auf der Haut, Handlinien oder Fingernägel, mit dem Spiegel eher Auge, Nase oder Mund betrachtet. Fragen, die sich dabei ergeben, klären die Kinder zeichnend und malend: Aus welchen Teilen besteht mein Auge? Wie verändert sich der Mund beim Lachen, beim Gähnen oder wenn ich wütend bin? Auf großen Formaten zeichnet oder malt jede:r einen interessanten Ausschnitt des eigenen Gesichts. Details, die wir selten an uns betrachten oder ohne Hilfsmittel gar nicht sehen können, werden anschließend gegenseitig mit dem Handy im Zoommodus fotografiert: der hintere Haaransatz, ein Blick ins Ohr, der Fuß von unten oder die Kniekehle. Ein Passepartout-Rahmen mit kleinem Ausschnitt kann bei der Wahl helfen. Wie sehen das Innere des Mundes, der Scheitel von oben oder mein Ellenbogen aus? Jede:r lässt drei möglichst rätselhafte Detailaufnahmen von sich anfertigen. Ausgedruckt und an die Wand geheftet, fordern sie zum Betrachten und Vergleichen heraus: Welche Details gehören zu welchem Körper? Lassen sich die Ausschnitte auf großen Papieren malen, weiterzeichnen oder zu rätselhaften Wesen verbinden? Worin unterscheiden sich die Fotos von den Abdrücken?
Petra Kathke, Professorin für Kunstpädagogik a. D., zuletzt an der Universität Bielefeld, und Autorin des Buches »Sinn und Eigensinn des Materials«, führte zwanzig Jahre eine Kinderkunstwerkstatt in Berlin, bevor sie nach der Promotion in die universitäre Lehrer:innenbildung wechselte. Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Theorie und Praxis künstlerischen Lernens und Lehrens sowie Grundlagen ästhetischer Bildungsprozesse.
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