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Wohlbefinden herstellen, auch in turbulenten Zeiten
Zeiten der Verunsicherung erfordern, dass wir uns auf das Wesentliche besinnen: das Bewusstsein für die Bedeutung von Wohlbefinden. Wie sich die Aussage »ohne Bindung keine Bildung« zur Aussage »ohne Wohlbefinden keine Bildung« weiterentwickelt hat und wie verantwortungsbewusste Erwachsene dies in der Anwendung des Early Excellence-Ansatzes reflektieren, thematisieren und umsetzen, beschreibt Sasha Saumweber, Koordinator:in der Heinz und Heide Dürr Stiftung.
Um Kindern das Weltentdecken zu ermöglichen, brauchen sie eine Begleitung, die ihre universellen Grundbedürfnisse explizit in den Blick nimmt. Eine solche positive Grundeinstellung gegenüber allen Beteiligten ist das Leitmotiv des Early Excellence-Ansatzes.1 Dieser formuliert den Anspruch, dass Kinder ein Recht darauf haben, exzellent begleitet zu werden,2 und die Grundannahme, dass jedes Kind von Natur aus interessiert und hoch engagiert ist, sich in seinem eigenen Tempo ein Bild von der Welt zu machen.
Grundbedürfnisse zuerst
Neben dem Fokus auf präventive Unterstützung und Begleitung von Familien als der ersten Sozialisationsinstanz des Kindes bietet der Early Excellence-Ansatz verschiedene Instrumente, etwa pädagogische Strategien oder ein Beobachtungsverfahren, welches auch die Reflexion der Grundbedürfnisse von Kindern beinhaltet. Die pädagogischen Strategien können sowohl im freien Spiel als auch in strukturierten Situationen zum Einsatz kommen. Zunächst ein Beispiel für die Anwendung der ersten Strategie, der sogenannten »sanften Intervention« in einer Freispielsituation. Diese Situation ist zudem ein schönes Beispiel für riskantes Spiel (risky play) und entspricht damit auch einer weiteren Strategie, nämlich »das Kind ermutigen, angemessene Risiken einzugehen«.
Marcel, das Kind auf dem Kegel, will sich auf den Kegel links neben ihm setzen, unter dem sich David befindet. Die Fachkraft (FK) beobachtet das Spiel zunächst in respektvoller Distanz und entscheidet sich in dem Moment, als Marcel vom einen Kegel auf den anderen wechseln will, für eine verbale Intervention.
FK: »Ah, Marcel, ich sehe, du willst dich auf den Kegel setzen. Das ist eine gute Spielidee. Aber hast du gesehen, dass unter dem anderen Kegel David sitzt?«
Marcel: »Ja, klar habe ich das gesehen!«
FK: »Sehr gut. Das dachte ich mir. Wenn du dich also oben draufsetzen willst, dann kannst du David fragen, ob er das in Ordnung findet.«
Marcel: »Hey David, ich setz mich jetzt auf den Kegel.« David antwortet nicht. Jetzt muss die Fachkraft dranbleiben, damit die Situation ein freudvolles Spiel für beide Kinder bleibt und die Intervention sanft bleiben kann.
FK: »Stopp, Marcel. David hat noch gar nicht geantwortet. David, hast du gehört, was Marcel gerade zu dir gesagt hat? Er will sich oben auf deinen Kegel setzen. Ist das okay für dich?«
David: »Ja. Aber nur, wenn er mich rauslässt, sobald ich nicht mehr möchte.«
Marcel: »Ja, eh klar.«
FK: »Wie kannst du das mitbekommen, wenn David raus will.«
Marcel: »David, du kannst dann ja laut rufen.«
David: »Okay.«
Neben der ersten der acht pädagogischen Strategien kommt im Handeln der Fachkraft auch die siebte Strategie, nämlich den Kindern Vorbild zu sein, zum Tragen. Durch die bewertungsfreie sprachliche Begleitung der Fachkraft erleben die Kinder, wie kooperatives Spiel funktionieren kann. Sie bekommen Ideen und Worte und lernen, sich auf die Ideen des anderen Kindes einzuschwingen. Gerade im risky play ist es unbedingt notwendig, die Situation weiter genau zu beobachten. Damit die Situation für alle Beteiligten in hohem Wohlbefinden bewältigbar bleibt, behält die Fachkraft das Spiel gut im Blick und würde, falls nötig, erneut sanft verbal anleitend eingreifen. Beide Kinder erleben sich auf diese Art der Begleitung als wertvolle Spielpartner, deren Spielidee nicht vorschnell unterbunden und dadurch als »falsch« oder »gefährlich« abgewertet wird. Stattdessen lässt sich die Fachkraft im Sinne der achten Strategie – »zeigen, dass wir im Spiel Partner:innen sind« – auf das Spiel der Kinder ein. Sie folgt ihren Spielinitiativen, ohne das Spiel zu riskant werden zu lassen, und sorgt gemäß der Strategie fünf – riskante Erfahrungen ermöglichen – dafür, dass das Risiko für beide Kinder angemessen bleibt.
Sasha Saumweber ist Sozialpädagog:in und im Auftrag der Heinz und Heide Dürr Stiftung für die Weiterbildung, Koordination und Fachberatung von Early Excellence-Einrichtungen im süddeutschen Raum zuständig.
Kontakt
1 Vgl. Lichtblau 2026
2 Vgl. Kurzportrait | Early Excellence-Connect



