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Mentale Gesundheit, Resilienz und Prävention im pädagogischen Alltag
Wie viel Belastung hält dein Nervensystem eigentlich aus, bevor es leise bröckelt und schließlich bricht? Im Kita-Alltag treffen Erwartungen, Emotionen und Druck direkt auf die Menschen, die das System tragen. Sebastian Lisowski, pädagogische Fachberatung, reflektiert, warum Selbstschutz, Impathie und klare Strukturen kein Luxus sind, sondern die Grundlage einer professionellen Haltung
Im pädagogischen Alltag gleicht unser Nervensystem dem Fundament eines Hauses. Unsichtbar von außen trägt es Beziehungen, Feinfühligkeit, Entscheidungslogik und Stabilität. Diese innere Architektur bildet die Basis für unsere Präsenz im Kontakt: wie wir sprechen, wie wir blicken, wie wir Situationen »halten«. Bei Kindern nehmen wir dies ernst, bei pädagogischen Fachkräften gerät es jedoch oft aus dem Blick. Doch jedes Fundament hat eine Traglast. Wird diese kontinuierlich überschritten, entstehen Risse, die zunächst unscheinbar wirken: Gereiztheit, Müdigkeit, Rückzug, Vergesslichkeit, diffuse Ängste, innere Unruhe. Diese Risse sind wichtige Informationssignale.
Leiser Zerfall
Das Fundament vibrierte lange leise, bevor es zu beben beginnt. Die Publikation »Fachkräfte in der Kinder- und Jugendbetreuung« der Bertelsmann Stiftung von 2023 zeigt: Wenn wir keine Antworten finden, wandert die Belastung ins Immunsystem (Infekte), ins Denken (Overthinking), ins Verhalten (Reizbarkeit) und in unsere Beziehungen (Emotionsabbruch). Rutschen tragende Elemente wie diese nach unten, leiden die responsive Feinfühligkeit, die emotionale Präsenz und die reflektierte Haltung. Wir beginnen, unsere Belastung ins System weiterzugeben – zu den Kindern (»Was ist los mit euch heute?«), an die Kolleg:innen (»Mach doch schneller!«) oder an die eigene Familie (»Ich will jetzt nicht reden.«). Profession verschiebt sich in Reaktion, und Reaktion ist das Gegenteil von Pädagogik. Ein Desaster für pädagogische Qualität: • Kinder verlieren Ko-Regulationsmodelle.
- Teams verlieren ihre Reflexionsfähigkeit.
- Elternkommunikation wird konfliktiver.
- Sprache wird kürzer und schärfer.
- Übergänge eskalieren schneller.
- Lautstärke ersetzt Dialog1.
Sekundäre Folgen sind emotionale Distanz, Gesundheitsausfälle, Qualitätsverlust und Fluktuation. Spätestens an diesem Punkt befinden wir uns in einem Systemkreislauf. Wer glaubt, dass die Einführung präventiver Maßnahmen wie etwas Achtsamkeit hier, ein Tee da oder zehn Minuten Yoga zwischendurch dann ausreichen, irrt. Entlastet werden muss im ersten Schritt nicht die einzelne Fachkraft, sondern das System, in dem sie sich bewegt. Stellschrauben dafür sind:
- planbare Strukturen
- klare Verantwortlichkeiten
- bindungssensible Tagesgestaltung
- Priorisierung statt Dauerdruck, aber eben erst, wenn auch an den anderen Stellschrauben gedreht wird,
- präventive Maßnahmen der Selbstfürsorge.
Kompensation ist erlaubt, aber nur als Zwischenlösung. Die oft beschworene Resilienz beschreibt nicht die Fähigkeit, Belastungen einfach auszuhalten, sondern die Fähigkeit, Belastung zu verteilen. Anders gesagt: Resilienz verhindert, dass Belastung zum Selbstbild wird. Sie schützt nicht vor Stress, sondern vor seiner toxischen Wirkung. Stärken können wir sie durch die Erfahrung von
- Selbstwirksamkeit: »Ich kann Einfluss nehmen«
- Co-Regulation: »Ich bin nicht allein«
- Selbstakzeptanz: »Ich darf so fühlen«
- Fehlerkompetenz: »Ich lerne, statt mich zu schämen«
- Beziehungen: »Ich bin eingebunden«
Impathie first
Im Unterschied zur Empathie erhält die Impathie den Kontakt zur eigenen Gefühlswelt. Sie beschreibt die Fähigkeit, emotionale Grenzen wahrzunehmen und die Verantwortung dort zu erkennen, wo sie hingehört. Solch professionelles Differenzieren setzt voraus, dass wir gleichzeitig mitfühlen und bei uns selbst bleiben können. Impathie schützt uns vor empathischer Erschöpfung und verhindert eine Rollenumkehr. Ohne Impathie entstehen Schuldgefühle, Überforderung und Verstrickungen, mit ihr entsteht echter Kontakt: Nähe ohne Vereinnahmung. Wir bleiben stabil und bieten Regulation, statt emotional mitgerissen zu werden.
Gefühle können wahrgenommen und geordnet werden, ohne uns zu überlasten. Die damit verbundene Erfahrung von Selbstwirksamkeit und emotionaler Autonomie führt langfristig zu emotionaler Nachhaltigkeit. Impathie ist kein Luxus, sondern eine Voraussetzung für Resilienz. Sie erhält unsere Handlungsfähigkeit, schützt Kapazität, verhindert emotionales Überfluten und stellt einen Schlüssel dar, der uns aus ungesunden Systemkreisläufen herausführt. Empathie, also die Fähigkeit, Gefühle anderer wahrzunehmen, ihre Bedeutung zu erfassen und zu spiegeln, ist zweifelsohne zentral für eine beziehungsorientierte Pädagogik. Sie ist jedoch kein unbegrenztes Gut.
Wer ausschließlich empathisch reagiert, läuft Gefahr, die Gefühle anderer zu übernehmen. So kann die Einschätzung, »dieses Kind hat einen schwierigen Tag«, z.B. als »ich bin überfordert«2 im eigenen Nervensystem abgespeichert werden, was emotionale Verschmelzung, Rollenunklarheit und sekundäre Erschöpfung nach sich ziehen kann. Eine professionelle Haltung braucht gut regulierte Erwachsene, und diese benötigen beides: Empathie, um Beziehung entstehen zu lassen, und Impathie, um sie zu erhalten.
Sebastian Lisowski ist Erzieher und Kindheitspädagoge. Als Fachberater begleitet er Fach- und Führungskräfte in Kitas mit Vorträgen, Seminaren und Weiterbildungen. Seine Herzensthemen wie Praxismentoring, mentale Gesundheit im pädagogischen Alltag, werteorientierte Arbeit und gelebter Kinderschutz reflektiert er auch in seinem Podcast »Der Kita Kompass«.
Kontakt
paedagogikguru.de
1 Vgl. Bauer J. (2019): Wie wir werden, wer wir sind: Die Entstehung des menschlichen Selbst durch Resonanz. Verlag Blessing.
2 Grossmann K., Grossmann K. (2012): Bindung – Das Gefüge psychischer Sicherheit. Klett-Cotta.
Bilder: Unbekannter Künstler / Quelle: Canva



